Ortsfamilienbuch

Leben und Wirken des Bernhard Hochherr, Begründer der Zigarrenfabriken in Massenbachhausen

 

Im Rahmen der Recherchen zum Ortsfamilienbuch Massenbachhausen, das im November 2018 nach Jahren intensiver Arbeit unseres aktiven Mitglieds Karl-Heinz Vetter der Bevölkerung vorgestellt werden konnte, stand das Wochenende vom 29.06. – 01.07.2019 ganz im Zeichen der Erinnerung stehen an eine Zeit, die auch in Massenbachhausen nicht spurlos vorüber ging. Erinnert wird an Bernhard Hochherr, den Gründer der Zigarrenfabriken in Massenbachhausen.

 

 

Stolpersteinverlegung in Heilbronn für Bernhard Hochherr, Zigarrenfabrikant aus Massenbachhausen und seine Tochter Grete

 

In der Fürfelder Straße und der Sinsheimer (früher Berwanger) Straße befinden sich zwei eher unscheinbare Häuser, deren Geschichte im Allgemeinen nur mit den Zigarrenfabriken in Zusammenhang gebracht wird. Viele Details in der Vergangenheit dieser Häuser und der Menschen die darin lebten und arbeiteten sind erst wieder in Verbindung mit dem Ortsfamilienbuch aufgetaucht.

 

1898 hat ein junger Mann, Bernhard Hochherr war gerade 28 Jahre alt, in diesen Häusern seine erste Zigarrenfabrik eröffnet, der im Laufe der Zeit noch viele andere Fabriken folgen sollten.

 

Bernhard Hochherr wurde in Berwangen geboren, heiratete im September 1900 Maria  Wertheimer aus Bodersweiher in der Nähe von Straßburg und bezog die Wohnung in der Fabrik. Leider ist nicht überliefert, an welcher Adresse sich die Wohnung befand. 1901 kommt seine erste Tochter in dieser Wohnung zur Welt.

 

1905 richtet er für alle Arbeiter/innen eine Firmenkrankenkasse ein, um die Belegschaft im Falle von Krankheit abzusichern.

 

Zwischen 1898 und 1938, also rund 40 Jahre lang, gab er vielen Hausemer Familien Arbeit und Brot und den umliegenden Bauern mit dem Tabakanbau eine sichere Existenz. Besonders die Frauen erhielten durch ihren Lohn mehr Selbstständigkeit.

 

1938 wurde die Fabrik “arisiert” und von der Fa. Helbruna übernommen. Bernhard Hochherr wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

 

Dank der Initiative unseres Mitglieds Karl-Heinz Vetter ehrte die Stadt Heilbronn Bernhard Hochherr und seine jüngste Tochter Grete am 1. Juli 2019 mit der Verlegung von zwei Stolpersteinen vor dem Haus Frankfurter Str. 39, wo der letzte frei gewählte Wohnsitz der Familie war.

 

Die Nachfahren von Bernhard Hochherr sind weltweit verstreut, doch zu dieser Ehrung kamen Enkel, Urenkel, Ur-Urenkel, sowie Großneffen und Großnichten aus Südafrika, USA, Kanada, England, Holland, Italien und Deutschland.

 

Der Förderverein DENK-MAL begleitete den Besuch der Nachfahren mit einem Rahmenprogramm. Die (symbolische) Ruhestätte von Bernhard Hochherr, sowie Stationen seines Lebens über Heilbronn und Berwangen bis nach Massenbachhausen, wurden besucht.

 

Die Verlegung der Stolpersteine fand am 1. Juli, um 9:00 Uhr. Den Abschluss bildete die Verlegung für Bernhard und Grete Hochherr um 11.30 Uhr in der Frankfurter Strasse Nr. 39.

 

19 Nachfahren sind aus Südafrika, Kanada, USA, England, Niederlande, Italien und Deutschland angereist, um der Verlegung der Stolpersteine beizuwohnen. Unser Mitglied Karl-Heinz Vetter erforschte die Geschichte der Familie Hochherr und es ist ihm gelungen mit ca. 45 Nachfahren Kontakt aufzunehmen.

Ein entsprechendes Rahmenprogramm wurde mit Unterstützung der Gemeinde, der Firma Müller-Reisen und dem Förderverein DENK-MAL erstellt.  Am Sonntag, den 30. Juni, wurden die Gräber der beiden Ehefrauen von Bernhard Hochherr auf dem jüdischen Friedhof in Heilbronn besucht. Weitere Stationen waren Wohnungen in der West Str. 45 und Frankfurter Str. 39. Danach fuhr die Gruppe, betreut von Karl-Heinz Vetter und Barbara Roth, nach Berwangen, dem Geburtsort von Bernhard Hochherr.  Geführt durch Herrn Dr. Hartmann, Historiker und Gemeinderat in Kirchardt, besuchte die Gruppe den jüdischen Friedhof mit dem Grab der Eltern von Bernhard Hochherr, die ehemalige Synagoge, die jüdische Schule, das jüdische Schlachthaus und die Höhenstr. 1. Dort stand das Geburtshaus von Bernhard Hochherr. Es war das ehemalige Rentamt derer von Neipperg, später das Hochherrenhaus. 1974 musste das Haus einer Straßenverbreiterung weichen. Im Anschluss an die Besichtigung in Berwangen ging die Fahrt zu den beiden ehemaligen Zigarrenfabriken in Massenbachhausen und danach zu einem kleinen Empfang der Gemeinde und des Fördervereins DENK-MAL im Firminushaus.

 

Bürgermeisterstellvertreter Herr Udo Neuweiler begrüßte die Nachfahren im Namen von Herrn Bürgermeister Morast und vermittelte einen kleinen Eindruck vom heutigen Geschehen im Ort. Die Gruppe war sehr erfreut, dass der Empfang in der ehemaligen Synagoge stattfand. Bei Kaffee und Kuchen war Zeit Erinnerungen und Anekdoten auszutauschen.

 

Am Montag, den 1. Juli 2019 war der Tag der Ehrung. Um 12.35 Uhr begann die Zeremonie mit der Verlegung der beiden Stolpersteine in der Frankfurter Str. 39 in Heilbronn, dem letzten frei gewählten Wohnort der Familie, durch den Künstler Gunter Demnig. Die Angehörigen verlasen anschließend die Biographien von Bernhard und Grete Hochherr, trugen Gedanken und Gebete vor und legten Blumen nieder.

 

Nach dem offiziellen Teil waren die Nachfahren der Familie Hochherr und einer Familie Hanauer, die ebenfalls bei der Verlegung von Stolpersteinen für ihre Nachfahren in Heilbronn anwesend waren von Oberbürgermeister Harry Mergel zu einem Empfang im Rathaus geladen. In seiner Ansprache berichtete er über die Zeit der Gewalt gegenüber jüdischen Mitbürgen, aber auch über die Scham, die nachfolgende Generationen bei dem Gedanken an die Zeit empfinden. Er schloss seine Ansprache mit dem Versprechen, dass die Stadt Heilbronn alles unternehmen werde, um eine Neuauflage vergangener Ereignisse zu verhindern.

 

Mit einem Glas Wasser, den hohen Temperaturen geschuldet, und ausführlichen Gesprächen der beiden Familien untereinander, endeten beeindruckende Tage. Die einhellige Aussage der Nachfahren war: „Wir sind gerührt, dass so viele Menschen uns so freundlich aufgenommen haben und es uns ermöglicht haben den Weg von Bernhard und Grete Hochherr nach zu vollziehen. Dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken.“

 

 

Rückblick auf das Leben und Wirken des Bernhard Hochherr

 

Bernhard Hochherr wurde 1870 als 4. von 12 Kindern der Eheleute Levi Hochherr und Hännchen Kahn in Berwangen geboren. Mit nur 28 Jahren eröffnete er 1898 in Massenbachhausen seine erste Fabrik. 1900 heiratete er Maria Wertheimer und zog von Berwangen nach Massenbachhausen.

 

Im Laufe der Jahre verlegte er seine Fabrik in Kirchhausen nach Massenbachhausen, somit gab es zwei Produktionsstandorte, in der Fürfelder Straße und in der Sinsheimer Straße, ehemals Berwanger Straße.  1901 wurde seine erste Tochter Ilka in der Fabrik geboren. 1908 verzog die Familie nach Heilbronn. Seine zweite Tochter Hilda wurde 1909 geboren und wenige Monate später starb seine Frau Maria mit nur 31 Jahren. Bernhard heiratete 1910 ein zweites Mal, nachdem er Ida Reis in der jüdischen Gemeinde in Massenbach, deren Mitglied er war, kennengelernt hatte. Ida Reis war die Tochter des letzten jüdischen Lehrers in Massenbachhausen. Aus dieser Ehe ging 1913 Gretchen hervor. Das Unternehmen wuchs stetig und um 1910 nahm er seine Brüder Simon und Ferdinand als Teilhaber mit in das Unternehmen. Wenig später hat er sich aus dem Unternehmen zurückgezogen und in Heilbronn eine Vertriebsfirma für „Rohtabak en gros und Zigarren“ eröffnet. In den Steuerunterlagen der 1920 und 1930er Jahre wird er als Zigarrenvertreter geführt, was den Schluss nahelegt, dass er für seine beiden Brüder, die mittlerweile den Hauptsitz des Unternehmens nach Heidelberg verlegt hatten, als Vertreter arbeitete.

 

1936 verließ er Heilbronn und sein sozialer Abstieg begann. Er wohnte im jüdischen Seniorenheim in der Wagenburg Straße in Stuttgart. Seine bisherigen finanziellen Zuwendungen, Firmenrente, Unterstützung durch seine Brüder Simon und Ferdinand, sowie durch seine Tochter Grete und einem Herrn Hirsch, der nach USA ausgewandert war, wurden durch die Gestapo gestoppt, was dazu führte, dass ihm die Jüdische Kultusgemeinde das Essensgeld stundete. Er war inzwischen mittellos. Im Dezember 1941 wurde er, auf Anordnung höherer SS Führer, nach Eschenau deportiert. Am 22. August 1942 erfolgte die Deportation nach Theresienstadt, wo er am 31. Aug. 1942 starb. Sein Lebenswerk in Massenbachhausen, Walldorf und Heidelberg wurde zerschlagen und 1938 „ariesiert“ Bernhard Hochherr, der vielen Hausemer Familien Arbeit und Brot verschaffte und den Bauern mit dem Anbau von Tabak eine gesicherte Existenz ermöglichte, soll vor dem Vergessen bewahrt werden. Heilbronn ehrte am 1. Juli 2019 Bernhard Hochherr und seine Tochter Grete durch die Verlegung zweier Stolpersteine vor dem Haus in der Frankfurter Str. 39 in Heilbronn, wo seine letzte, frei gewählte Adresse war.